Guten Abend,
ich habe die Frage 39532 gelesen und habe eine Frage zu eurer Antwort: Ihr schreibt "Eine Abneigung gegenüber dem Penis lässt keine Schlussfolgerungen über deine sexuelle Orientierung zu." Wie könnt ihr da so sicher sein? Natürlich kann ein Trauma einer Fastvergewaltigung Flashbacks beim Anblick des Penis auslösen, aber die Frage, ob Frauen einen Penis nicht so toll finden, können wir natürlich mit einem faktischen Nein beantworten. Berichte hier oder Studien beweisen nur das offensichtliche, den sexualbiologischen Reiz. Dass Frauen auf den männlichen und Männer auf den weiblichen Genitalbereich stehen, ist ja Biologie. Das ist ja nicht erlernt. Evolutionär wäre es vorteilhaft, keine Abneigung gegen die Genitalien des anderen Geschlechts zu haben, weil das die Fortpflanzung erschwert.
Andererseits interessiert es mich doch: Bei mir (heterosexuell) würde ich zum weiblichen Genitalbereich nicht direkt von einer Abneigung sprechen, aber dass nackte Genitalien nicht gerade angenehm sind, ist doch normal. Und dass weibliche Genitalien deutlich unangenehmer aussehen als männliche, ist Anatomie. Aber das geht ja allen Männern so, wenn sie sich nicht mit vielen Pornos das natürliche Ekelempfinden abstumpfen, was leider wohl die meisten tun. Trotzdem finde ich den Anblick des Genitalbereichs einer bekleideten Frau attraktiv (bei höchster Körperhygiene auch nicht eklig). Bei Männern ist da einfach nichts (weder Ekel, noch Erregung).
Wenn die Fragestellerin aber sogar den Penis, der objektiv weniger unangenehm aussieht, schlecht angucken kann, ist das offensichtlich auf das Trauma zurück zu führen. Das wäre ja nicht mal bei Homosexualität. Ich bin ja nicht schwul und finde den Anblick eines Penis weniger unangenehm als einer Vulva.
Wie passiert es denn, dass Menschen (Männer und Frauen) sich mit nackten Genitalien anfreunden können (die meisten sogar Oralsex machen)? Ist das doch gelernt und/oder ein Produkt von Pornos, wo das Gehirn die Nacktbilder irgendwann mit dem Erregungsgefühl verknüpfen? Pornos gucken Leute ja dann, wenn sie erregt sind/werden wollen.
Unsere Antwort
Aus klinischer Erfahrung wissen wir, dass alles vorkommt. Heterosexuelle Frauen, die Penisse furchtbar finden, homosexuelle Frauen, die Penisse furchtbar finden, Heterosexuelle Männer, die Vulven furchtbar finden, homosexuelle Männer, die Vulven toll finden... Deshalb sagen wir so klar, dass niemand beurteilen kann, ob eine Person auf Frauen oder Männer steht aufgrund der Abneigung gegenüber dem jeweiligen Genital. Man kann daraus eben keine Schlussfolgerung ziehen.
Die Beziehung zum eigenen Genital und zum Genital anderer Geschlechter ist gelernt und kann entwickelt werden.
Es ist eine verkürzte Betrachtung, den Bezug zum Genital nur auf die Fortpflanzung zu beziehen. Menschen sind durchaus in der Lage, sich fortzupflanzen, ohne den Penis oder die Vulva besonders toll zu finden.
Ekel vor Genitalien ist eine von vielen Möglichkeiten. Ekel ist dabei genauso natürlich wie Neugier oder Zuneigung oder eine neutrale Einstellung.
Du beziehst dich in deiner Beschreibung viel auf die Biologie. Die spielt zweifelsohne eine Rolle, aber die sexuelle Lerngeschichte auch.
Jede sexuelle Lerngeschichte ist ganz persönlich. Das unangenehme Gefühl ist für dich normal. Bei anderen Menschen ist das deshalb nicht so. Es gibt sehr unterschiedliche Haltungen dazu, ob der Anblick eines Penis oder einer Vulva angenehmer ist. Du findest es für dich normal, dass weibliche Genitalien deutlich unangenehmer aussehen.
Der Aufbau einer guten Beziehung zum eigenen Geschlecht ist mit vielen Lernschritten verbunden. Und eine gute Beziehung zum eigenen Geschlecht ist förderlich für eine gute Beziehung zum Geschlecht der anderen Person. Ausserdem finden wir tendenziell nicht so schön, was uns fremd ist. Was vertraut wird, kann besser mit angenehmen Gefühlen und mit einer positiven Bewertung verbunden werden. Mehr dazu steht auch in unserem Text Reisetipps für die Reise durchs weibliche Geschlecht. Es geht also nicht darum ein "natürliches Ekelempfinden" abzustumpfen. Menschen haben sich auch lange bevor es Pornos gab mit Genitalien vertraut gemacht.
Du sprichst traumatische Erfahrungen an. Auch hier lohnt sich eine differenziertere Betrachtung. Es gibt Menschen mit sexuellem Trauma mit sehr positiver Beziehung zu ihrem und dem anderen Genital. Und es gibt Menschen, die nie ein sexuelles Trauma erlebt haben, und eine regelrechten Phobie vor Genitalien haben. Das muss man sich von Mensch zu Mensch anschauen. Es gibt nicht "die Frauen", oder "die sexuell Traumatisierten" solche pauschalen Aussagen sind in aller Regel falsch.
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