Frage Nr. 39387 von 30.01.2025
Was soll ich machen wen meine Freundin mich schlägt ?
Darf ich zurückschlagen ?
Unsere Antwort
Es ist nicht okay, dass deine Freundin dich schlägt. Das ist Gewalt.
Du darfst dich wehren. Sag ihr ganz klar, dass Schläge nicht in Ordnung sind. Und falls sie trotzdem nicht damit aufhört, würde ich dir raten, die Freundschaft zu beenden und dich von ihr zu entfernen.
Vielleicht möchtest du noch ein bisschen mehr dazu erzählen? Wie fühlst du dich sonst in der Beziehung mit deiner Freundin? Achtet sie dich und deine Bedürfnisse?
Ich weiss nicht, wie alt du bist. Du kannst dich auch an eine Jugendberatung oder Gewaltberatung in deiner Nähe wenden. Sie können dir helfen, für dich einzustehen ohne selbst zu schlagen. Du kannst uns auch wieder schreiben. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.
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Frage Nr. 39384 von 29.01.2025
Liebes Team bei Lilli!
Ich habe schon länger einen Freund, mit dem ich auch schlafe.
Wir hatten Sex gehabt jetzt am Wochenende.
Ich möchte weder Pille noch Spirale noch Dreimonatsspritze nehmen, so dass wir ein Gummi verwenden.
Wir hatten auch diesmal ein Gummi genommen, aber mein Freund hatte das Gummi (nachdem er den Penis aus der Scheide genommen hatte) plötzlich entfernt und auf meinen Bauch ejakuliert.
Ich habe ihn gleich gefragt, warum er das getan hatte.
Er meinte, er wollte lieber auf den Bauch spritzen als ins Gummi.
Er hätte Lust dazu gehabt.
Er weiss, dass ich Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft habe.
Ich fand es nicht korrekt von ihm, da er es nicht vorher mit mir abgesprochen hatte.
Zur Sicherheit hatte ich mir nach ca 1 Stunde die Pille danach aus der Apotheke geholt.
Ich hatte ihm das auch mitgeteilt schriftlich.
Ich habe sie Zuhause eingenommen.
Meine erste Frage ist, inwieweit ich trotzdem schwanger sein könnte.
Und meine zweite Frage ist, wie Ihr das Verhalten meines Freundes beurteilt.
Ich finde es nämlich schlecht und bin noch erschrocken, was ich ihm inzwischen auch mitgeteilt habe.
Ich habe ihn auch um die teilweise Erstattung der Kosten der Pille danach gebeten.
Er hatte zugestimmt.
Meine dritte Frage ist, wie ich mich in Zukunft absichern kann mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass der Mann das Gummi nicht plötzlich entfernt.
Denn ich möchte auf keinen Fall Pille, Spirale oder Dreimonatsspritze und auch die Pille danach möchte ich nur so selten wie möglich nehmen müssen.
Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Antwort.
Herzliche Grüße,
Unsere Antwort
Zuerst einmal: Mach dir keine Sorgen, du kannst nicht schwanger sein. Du hättest nur dann schwanger werden können, wenn dein Freund direkt an deinen Vaginaeingang ejakuliert hätte. Wenn Sperma auf deinen Bauch kommt, kannst du davon nicht schwanger werden. Dein Freund hat dich durch sein Verhalten also nicht dem Risiko ausgesetzt, schwanger zu werden.
Trotzdem ist es verständlich, dass du sauer auf deinen Freund bist und dir gewünscht hättest, dass er dich vorher gefragt hätte, ob es für dich in Ordnung ist, wenn er auf deinen Bauch ejakuliert. Das solltest du ihm so auch noch einmal sagen und ihm deutlich machen, dass du nicht möchtest, dass sich das wiederholt. Ihr könnt gemeinsam besprechen, wie ihr in Zukunft vorgehen wollt. Du kannst ihm zum Beispiel sagen, dass du möchtest, dass er dich das nächste Mal fragt, bevor er das Kondom abzieht. Oder du kannst ihm sagen, dass du gar nicht möchtest, dass er auf deinen Bauch ejakuliert. Achte dabei darauf, was sich für dich gut anfühlt und was für dich in Ordnung ist und was nicht. Dein Freund sollte das respektieren.
Wenn dein Freund wieder etwas macht, das du nicht möchtest, ist es am besten, direkt zu reagieren und deine Grenzen klar zu machen. Zum Beispiel indem du sagst: "Stopp, was machst du da?". Das hast du ja bereits gut geschafft, indem du ihn direkt zur Rede gestellt hast.
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Frage Nr. 39380 von 28.01.2025
Ich habe eine etwas allgemeine Frage. Ich merke langsam, wie mich bestimmte Lebensabschnitte noch heute belasten. Ich möchte mich möglichst nicht mit den Erinnerungen konfrontieren. Es ist aber auch ein Wunsch da, meine Geschichte aufzuarbeiten. Ich habe noch immer enorme Mühe zu mir zu stehen und will sein, wie die anderen oder stelle mir vor, wie mein Leben sonst verlaufen wäre. Wie kann ich mich emanzipieren? Ist es möglich seine Geschichte aufzuarbeiten, ohne das sie einem immer beeinträchtigt?
Unsere Antwort
Du stellst eine sehr gute Frage. Du steckst zwischen einem «einerseits» und einem «andererseits» fest. Einerseits möchtest du dich nicht an schwierige Erfahrungen und Situationen erinnern. Andererseits möchtest du dich aber von ihnen emanzipieren. Du möchtest sie verarbeiten. Dein aktueller Verarbeitungsweg findet in deiner Vorstellung statt: Du wünschst dich anders als du bist und denkst dir einen alternativen Lebensweg aus. Zum Glück merkst du selbst, dass in dir eine innere Spannung entsteht. Die eine Seite nicht zu akzeptieren und die andere nicht zu erreichen, macht enorme Mühe.
Tatsächlich geht es vielen Menschen so wie dir. In jeder Person wohnen verschiedenen Meinungen über sich selbst wohnen. Aus dieser Erkenntnis, wurde die Egostate-Therapie entwickelt. Diese psychotherapeutische Methode geht genau von deiner Situation aus. Weil die schwierigen Erfahrungen mit schwer erträglichen Gefühlen verbunden, kümmert man sich erstmal um die Stärken. Dann erst werde vergangene Erfahrungen und aktuelle Wünsche miteinander in Kontakt gebracht. Das gibt dir die Möglichkeit, deine Stärken zu erkennen und wertzuschätzen und Wege für deine Zukunft zu finden.
Für die Arbeit an deiner Lebensgeschichte raten wir dir zu einer Psychotherapie. Empfehlen würden wir eine Person, die mit den verschiedenen Pesönlichkeitsanteilen und mit verschiedenen Perspektiven arbeiten kann.
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Frage Nr. 39358 von 24.01.2025
Zu Frage NR. 39309
Vielen Dank für Eure Antwort!
Ich denke, ich kann mir vertrauen lernen, im Verhalten des anderen zu erkennen, ob dieser respektvoll ist.
Ich verstehe auch, dass Porno nicht gleich Gewalt ist. Aber ich persönlich denke, dass man nie wissen kann, ob die Darsteller noch wollen, dass das Video noch online ist, ob das Mitmachen freiwillig war und das meiste einfach frauenverachtend ist bzw. Männer lernen, dass bestimmte Praktiken Frauen nicht weh tun würden (seelisch als auch körperlich).
Ich denke, ich habe einfach Angst, keinen Mann mehr zu finden, der keine Pornos mehr schauen möchte, da es eigentlich kaum Männer gibt, die keine Pornos schauen. Und einen der Prostitution ablehnt. Das macht mich traurig, weil ich gerne eine Beziehung will, dies aber nicht akzeptieren möchte. Für mich sind Fantasien, welche auch immer, kein Problem. Ich sehe jedoch das Schauen von Pornos mit Gewaltinhalten als Handlung, da dies echte Menschen sind und damit das Ganze als Verhalten. Jedoch ist dieses Verhalten für mich nicht unbedingt präsent, weil ich es ja nicht mitbekommen müsste oder es früher war. Ich weiß, einfach nicht mehr, wie ich jemanden entspannt kennen lernen kann. Ob ich meine Meinung ändern muss, weil ich gerne einen Mann finden möchte. Ob ich akzeptieren muss, das jemand Gewalt vielleicht anschaut und trotzdem ein respektvoller Mann im persönlichen Kontakt ist.
Wie kriege ich meine Vorstellungen zu diesem Thema und meinen Wunsch nach Beziehung unter einen Hut? Sollte ich andere Sichtweisen annehmen lernen, akzeptieren, wenn jemand etwas "schlimmes" angeschaut hat?
Ich bin einfach sehr unglücklich und überfordert damit und sehe keine gute Paarzukunft für mich... oder bleibe ich lieber alleine, weil es niemanden geben wird (oder so selten und damit kaum findbar - und so jemanden habe ich verloren), der nie Gewaltvolles angeschaut hat und auch ganz auf Pornos verzichten wird.
Vielen Dank!
Unsere Antwort
Deine Nachricht zeigt mir, dass du wirklich unter diesem Thema leidest und dir viele Sorgen und Gedanken machst. Das ist sicher sehr anstrengend. Ich habe den Eindruck, du bist etwas in einem Schwarz-Weiß-Denken verfangen, was dir nicht hilft und dich ziemlich unter Druck setzt. Ich versuche mal, das ein wenig aufzulockern.
Erstens gibt es durchaus Männer, die keine Pornos schauen und noch mehr Männer, die keine gewaltvollen Pornos schauen. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, wie du denkst, so jemanden zu finden. Die Wahl ist nicht zwischen „Ich bleibe meinen Werten treu“ und „Ich finde eine Beziehung“. Es gibt viele Möglichkeiten, wie beides gleichzeitig wahr werden kann.
Eine Möglichkeit besteht darin, dass Menschen sich ändern können. Wenn du jemandem erklärst, wieso das problematisch ist und wie deine Gefühle dazu sind, dann wird dieser Mann sein Verhalten vielleicht einfach ändern. Sei es, dass er gar keine Pornos mehr schaut, keine Gewaltpornos mehr oder nur noch Pornos von ethischen, feministischen Pornoproduzent*innen – die gibt es nämlich durchaus! Vielen Männern sind Frauenrechte sehr wichtig und sie sind bereit dazuzulernen.
Du gehst in deinen Gedanken sehr weit in die Zukunft und neigst dabei ein bisschen zum Katastrophisieren. Das heißt, du malst dir immer die schlimmste Version aus, auch wenn die nicht sehr wahrscheinlich ist. Denn mal angenommen, du lernst jemanden kennen und ihr versteht euch gut und irgendwann sprecht ihr über diese Themen und der Mann sagt, dass er manchmal Pornos schaut. Dann ist das nicht das Ende der Welt. Dann könnt ihr darüber sprechen und eine Lösung finden. Oder, wenn das nicht funktioniert, dann beendet ihr die Sache eben. Du musst nicht vom allerersten Kontakt an wissen, wie ein Mann zu diesen Dingen steht. Denn du kannst immer wieder neu entscheiden, ob etwas, was die andere Person macht, für dich okay ist, ob ihr Kompromisse finden könnt, oder ob du oder die andere Person sich ändern möchte.
Natürlich darfst du deine Werte haben und auch für sie einstehen. Aber das ist nicht schwarz-weiß: Menschen sind nicht entweder respektvoll oder schauen Pornos. Das ist viel komplexer. Das hast du ja auch bei deinem Ex-Partner gesehen. Mit konkreten Menschen sind da viel mehr Nuancen, als wenn man sich dazu hypothetische Gedanken macht.
Du steckst in einer Angstspirale, weil du versuchst, das alles schon vorauszusehen. Diese Angst lähmt dich scheinbar ziemlich. Mein Rat ist daher, dass du aktiv wirst. Lern Leuten kennen, geh auf Dates, probier es aus. Du kannst dabei durchaus schon ein paar Dinge tun, um die Chancen zu erhöhen, dass du jemanden triffst, der deine Werte teilt. Wenn du Dating-Apps nutzt, kannst du beispielsweise in dein Profil schreiben, dass feministische Themen dir wichtig sind. Aber ich denke, du musst die Erfahrung machen, dass du dir vertrauen kannst, dass Menschen nicht schwarz-weiß und unveränderbar sind, und dass es für viele Dinge Lösungen gibt.
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Frage Nr. 39354 von 23.01.2025
Es erscheint mir kompliziert. Ich möchte verstehen was es ist, wie man es nennt. Mir wurde als Kind unter den Rock gefasst. Mein Vater tobte zwar, aber das wars. Er fühlte sich sicher und verfolgte mich. Vom 6. bis 18. Lebensjahr. Der Mann machte mir furchtbare Angst und ich konnte nicht atmen und meine Stimme war immer weg, ich war erstarrt wie ein Stein, wenn er in der Nähe war. Ich berichtete meinem Vater, dass er mich verfolgt. Ich war zu dem Zeitpunkt im Grundschulalter. Er meinte zu mir, dass der Mann mich lieben! würde und was ich nur hätte etc. Wenn ich nicht schreie, kann es wohl nicht so schlimm sei etc. Das dies Liebe sei hat mich irritiert. Ich träumte aber ab diesen Zeitpunkt von diesem Mann in brutalsten sexuellen Fantasien. Diese gewaltvollen Träume haben sich seit dem ich 8 war nicht verändert, sie sind nur erwachsener geworden. Sie erregen mich, sie erschrecken mich nicht und ich komme ohne sie nicht zum Höhepunkt. Obwohl er mich als ich den Führerschein erhielt nicht mehr verfolgen konnte, träumte ich weiterhin. Es geht manchmal soweit, dass ich mir wünschte er hätte es getan, nur um diese Träume/Fantasien loszuwerden oder um etwas eindeutiges zu haben. Ich weiß nicht wie man das nennt. Gibt es einen Begriff dafür? Ich würde dies gerne wissen, um mich zu verstehen, denn mit meinen über 40 Jahren bin ich es weder los noch verstehe ich es. Es erscheint so irrational.
Unsere Antwort
Du hast sexuelle Übergriffe erlebt. Dein Vater hat zwar getobt, dabei aber vergessen, dich zu schützen. Er hat damit deine Irritation verstärkt. Dein Gefühl machte dich starr vor Angst. Dein Vater nennt das aber Liebe. Du steckst in dieser Ambivalenz fest. Verstehen kannst du das folgendermassen: Du musstest Gefühle ertragen musst, die unerträglich sind. Sie durften sich aber nicht unerträglich anfühlen, sondern waren ‚Liebe‘. Dein Körper hat alles getan, um damit klar zu kommen. Aus der Übererregung, die dich erstarren liess, hat er sexuelle Erregung gemacht und die sexuellen Fantasien gleich mitgeliefert. Damit hast du das Erschrecken, die Angst und die Erstarrung bewältigt. Inzwischen ist zwar die Täterschaft nicht mehr da. Dein Körper bleibt bei den alten Erregungsquellen. Dies ist normal, weil traumatisierende Erfahrungen für die Bewältigungsstrategien prägend sind. Mit deinen speziellen sexuellen Erregungsquellen und sexuellen Fantasien bewältigst du immer noch die alten Überlastungen. Das engt dein Sexualleben ein.Die psychiatrischen Krankheitslehre formuliert leider immer noch störungsorientiert. Wenn du deine Sexualität als leidvoll erlebst und sie deine Lebensweise beeinträchtigt, könnte deine Sexualität in die Kategorie der Paraphilien eingordnet werden. Da du sie als Traumafolge erlebst, könnte man dies als einen Symptombereich der Postttraumatischen Belastungsstörung ansehen.
Wenn du dich mit dir selbst, deinem Selbstverständnis, deiner Sexualität beschäftigen möchtest, empfehle ich dir eine Trauma- und Sexualtherapie. Dabei solltest du eine Fachperson suchen, die gut ausgebildet ist und mit deinen Fragen respektvoll umgeht.
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Frage Nr. 39343 von 21.01.2025
Ich erlebe momentan Mobbing. Es ist nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Heimweg. Nachdem ich letzte Woche nachhause gefahren bin hat der Mobber mir Essen ins Gesicht geworfen. Ich erhielt von der Schulleitung nur wenig Unterstützung. Die Lehrer meinen nur, die Schüler in der Klasse haben sonst einen guten Zusammenhalt. Dies vermittelt mir das Gefühl, das etwas falsch ist mti mir. Meine Mutter meint nur, dass es an einer anderen Schule nicht besser ist und das andere auch solche Erfahrungen machen müssen. Meine Eltern meldeten den Vorfall der Schulleitung, jedoch erhalte ich sonst keine Unterstützung. Die Schulleitung machte nur in der Klassenstunde ein paar Übungen um den Klassengeist zu stärken, mehr nicht. Ich weiss nicht mehr was ich tun kann, es will mir niemand helfen und alleine schaffe ich das nciht.
Unsere Antwort
Du siehst das richtig. Allein schaffst du das nur sehr schwer. Wir hätten dir darum auch als erstes geraten, die Schule und deine Eltern zu informieren. Wir hätten angenommen, dass deine Schule sich schon überlegt hätte, wie sie mit Mobbing umgeht. Mobbing ist nämlich tatsächlich weit verbreitet. Da hat deine Mutter recht. Umso wichtiger wäre es, dass Schulen und andere Institutionen mit Fürsorgepflicht eine Vorgehensweise erarbeiten, in der Opfer geschützt werden, alle über Mobbing informiert sind und die Täterschaft Konsequenzen für ihre Taten erlebt. Wenn Mobbende nicht direkt angesprochen werden, können sie annehmen, dass man Mitschüler*innen beleidigen, ausschliessen, belästigen, ignorieren, verspotten oder quälen darf.
Nun hast du schon die Schulleitung und deine Eltern informiert. Das Ergebnis ist für dich nicht zufriedenstellend. Gut wäre, wenn deine Eltern der Schulleitung rückmelden würden, dass Übungen zur Stärkung des Klassengeistes nicht sicherstellen, dass die Mobbinghandlungen aufhören. Auch du fühlst dich durch die Massnahmen nicht sicherer. Es wurde nicht genug für dich und deine Sicherheit getan. Auch an Ermutigung fehlt es noch. Wir finden es darum wichtig, dass du dich an professionelle Stellen wendest. In der Schweiz ist das das die Notrufnummer für Jugendliche von ProJuventute 147, in Deutschland kannst du 116 111 anrufen. Das ist die die Nummer gegen Kummer. Beide Stellen machen auch Online-Beratung. In unserem Infotext «Mobbing» empfehlen wir auch Opferberatungsstellen. In all desen Stellen wirst du Berater*innen finden, die Mobbing und die Folgen ernst nehmen. Du könntest mit ihnen Strategien besprechen, wie du dich in Zukunft verhältst und bei wem du dich meldest, wenn du wieder bedroht wirst. Auch ein persönlicher Notfallplan wäre sinnvoll.
Unbedingt möchten wir dich ermutigen, dich um deine eigenen Stärken zu kümmern. Ein Selbstverteidigungskurs wäre dazu empfehlenswert. Dort geht es nicht darum, dass du zurückschlägst. Du lernst dort deine eigene Kraft kennen. Du lernst auch, dich zu beruhigen, wenn du bedroht wirst, so dass du nicht so leicht in Panik gerätst. Ausserdem übst du, dich mit deiner Wörtern abzugrenzen und dich zu wehren. Wenn du antworten kannst, wird das deine Ohnmachtsgefühle beruhigen und so deine Haltung beeinflussen. In der Schweiz gibt es Wen-Do-Kurse (nur für Frauen), die nach dem Slogan ‚Angst beginnt im Kopf - Mut auch‘ arbeiten. Es gibt noch viele verschiedene Selbstbehauptungstrainings. Manche sind verbunden mit Kampfkunstformen. Die eigene Kraft durch Kampfkunstformen zu entwickeln, stärkt deine innere Sicherheit. Dies scheint uns besonders wichtig, wenn die äusseren Absicherer und Hilfen fehlen.
Für weitere Tipps verlinken wir mit einem Artikel des ZDF und einer Website aus Wien. Die Wiener Stelle weist noch darauf hin, dass ein Protokoll der Ereignisse und auch deiner Massnahmen (Info an Schulleitung, Eltern etc.) sinnvoll sein kann. Unsere Message an dich ist: Gib dich selbst nicht auf. Bleib geduldig bei der Suche nach helfenden Profis, Befreundeten, Verwandten etc.. Kümmere dich um deine innere Sicherheit und Stärke, damit du immer wieder genau weisst: Es ist nichts mit dir falsch. Mobbing sagt man, wenn ein Mensch erniedrigend oder gewalttätig behandelt wird. Es handelten also Anderer falsch!
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Frage Nr. 39311 von 14.01.2025
Danke für eure Antwort zu Frage Nr. 39298.
Ich verstehe, dass Eigenständigkeit bedeutet, dass seine Reaktion weniger mit mir macht?
Ich kommuniziere seit Monaten: Ich möchte/ brauche Abstand. (Mehrfach, auch schriftllich und explizit.) Und dass ich keine Geschenke möchte ebenfalls schon lange und mehrfach.
Ich habe verschiedene Anteile: Einer findet „Ich habe es satt, dass meine Grenzen missachtet werden. Nein heisst nein. Und ich möchte die Schuldgefühle nicht mehr für dich herumtragen.“
Aber ich habe auch Teile/ Momente, in denen ich mich schrecklich schuldig/ ekelhaft und so weiter fühle, oder eben an meiner Wahrnehmung zweifle.
Und ich habe auch Angst vor ihm. Es fühlt sich an, als würde er mich nicht loslassen. Ich möchte es nicht eskalieren.
Ich suche mir Hilfe bzw. bin dabei, Vertrauen zu einer Therapeutin aufzubauen, um mit alldem etwas aufzuräumen. Ich habe einfach Mühe damit, mich so zu öffnen im Gespräch.
Es hat mir aber gerade Mut gemacht zu lesen, dass wenn ich es zulasse/ ertragen kann, die Flashbacks ihre Funktion verlieren. Irgendwie gibt das gerade Hoffnung. Danke dafür (und für eure Arbeit.)
Unsere Antwort
Vielen Dank für deine Antwort. Ja, du hast richtig verstanden. Eigenständigkeit hat auf viele Bereiche Auswirkungen. Du kannst dich als handelnde Person wahrnehmen und die Grenzen deines Handelns erkennen. Du wirst den Mut aufbringen, für dich selbst zu sorgen. Du weisst, dass du für (Straf-)Taten nicht verantwortlich bist. Jetzt zweifelst du manchmal daran. Dann brauchst du alle Kraft, um Schuldgefühle und die Wahrnehmungszweifel hin und her zu schieben, abzuwägen und zu überwinden. Deine Schuldgefühle brauchen viel Energie. Die brauchst du eigentlich, um mit den Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen klarzukommen, die du erlebt hast. Eigenständigkeit hilft hier, Selbstmitgefühl zu entwickeln und behalten. Dein Anteil, der die Grenzverletzungen satt hat, wird mit Eigenständigkeit nicht weiter hoffen, dass die Täterschaft deine Bitten nach Abstand etc. erhört. Seine Grenzüberschreitungen würden für dich wirkungslos. Die Angst, die du hast, hilft dir Gefahren zu erkennen und einzuschätzen. Du brauchst sie. Du wirst nur deinen Beitrag leisten können, Eskalation zu verhindern. Wenn die Täterschaft eskalieren will, brauchst du Schutz durch Freund*innen, professionell Helfende und durch die Justiz. Nimm die Angst ernst. Nimm alles in Anspruch, was dir hilft.
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Frage Nr. 39298 von 12.01.2025
Liebes Lilli-Team
Ich weiss nicht, wie ich das formulieren soll. Ich fühle mich völlig durcheinander.
Aufgrund Erinnerungen an sexualisierte Gewalt durch meinen Vater habe ich mich von meiner Familie distanziert, um ein Leben aufbauen zu können und vielleicht irgendwann heilen zu können. Ich habe es niemandem in der Familie gesagt.
Seither erhielt ich immer wieder Geschenke und Nachrichten von meinem Vater, dass er mich vermisst und liebt.
An Weihnachten lehnte ich ein sehr teures Geschenkangebot ab (ich war nicht am Fest). Letzte Woche erhielt ich dann eine lange Nachricht in der er seinen Schmerz und sein Unverständnis für meine Distanziertheit ausdrückt und mich (erneut) auffordert darüber zu sprechen. Er philosophierte auch über mögliche Ereignisse (Kleinigkeiten, Beispiele bei denen er nicht involviert war) in der Kindheit, die der Grund sein könnten. Er würde mir jeden Stein aus dem Weg räumen und hätte mich getröstet hätte er mich weinen sehen. Er fand ich solle die Themen mit ihm angehen, statt einfach die Familie zu verstossen.
Kann man vergessen, dass man körperlich, verbal und sexuell gewalttätig war?
Es verwirrt mich, da es mich erneut an meinem Verstand, meiner Wahrnehmung und meinen Erinnerungen zweifeln lässt und mir wieder mehr Schuldgefühle für alles macht.
Da ich auch trotzdem ein Geschenk bekam hat es mich wieder daran erinnert, dass ich keine Wahl habe, dass mein Nein wertlos ist und ich bekomme, was man mir geben möchte (und wenn es gewaltsam sein muss).
Ich fühle mich so verrückt, wenn ich Flashbacks an schlimme Dinge habe, dissoziiere, dissoziative Anfälle habe usw., aber ich gar nicht verstehe, was wahr ist und was erfunden.
Wie kann ich so etwas aufräumen? Und warum schreibt er so etwas?
(W, 25)
Unsere Antwort
Dein Vater bietet dir einen Kontakt an, den du nicht möchtest. Kannst du ihn nicht einfach bitten, den Kontakt einzustellen? Du bist erwachsen, arbeitest an deiner Eigenständigkeit und brauchst diesen Rückzug. Die Gründe für deinen Rückzug gehen deinen Vater nichts an. Du kannst ihn ebenfalls bitten, dich mit seinen philosophierenden Fantasien über deine möglichen Kränkungen zu verschonen. Schliesslich: wenn er dich so liebt wie er sagt, wird er deine Entscheidungen doch respektieren. Auch wenn er sie nicht versteht. Merkst du, was wir meinen? Mach dich wirklich eigenständig und vertritt deine Entscheidungen. Du musst niemandem sagen, warum du Abstand zur Familie wünschst. Aber, dass du keine Geschenke und auch keinen Kontakt möchtest, solltest du mitteilen. Wenn dein Anliegen nicht respektiert wird, verweigere die Annahme der Geschenke oder verstaue sie im Keller, verschenke sie weiter oder behalte sie einfach.
Für die Traumafolgen solltest du dir unbedingt psychotherapeutische Hilfe holen. Damit du dich nicht immer wieder bedrängt fühlst, solltest die Zweifel an deiner Wahrnehmung auflösen. Auch mit Dissoziationen und Flashbacks kann man lernen umzugehen. Wenn du erträgst, dass du Gewalt erlebt hast und diese Erfahrung ein Teil deiner Lebensgeschichte sein darf, verlieren die Flashbacks in den meisten Fällen ihre Funktion. Dies alles erreichst du mit einer verständnisvollen Begleitung leichter als allein.
Übrigens: Das Verhalten deines Vaters könnte man auch so interpretieren: Er will dich unbedingt unter seiner Kontrolle behalten.
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Frage Nr. 39287 von 09.01.2025
Liebes Team von Lilli,
ich (w, 34) habe ein Problem und zwar hatte ich diese Woche seit langem (ca. 8 Jahren) wieder einen regulären Vorsorgetermin beim FA. Zwischendrin war ich nur zu Vorsorge-/Nachsorgeterminen von Schwangerschaften, habe 3 Kinder. Die Vorsorgetermine war ich auch nur bei der ersten Schwangerschaft bei diesem Arzt und den ersten der 2. Schwangerschaft. Er fand nämlich eine 2. Schwangerschaft nur etwas mehr als ein Jahr nach der ersten zu früh und auch eine Geburt im Geburtshaus bzw. daheim keine gute Idee, ich hab mich da nicht verstanden gefühlt.
Jedenfalls war ich jetzt wieder da und das Problem was ich jetzt habe ist, dass ich ihn sehr übergriffig fand.
Bei der Beratung zur Verhütung hat er unangebrachte Kommentare gemacht (gehen vllt wenn ich mit meiner besten Freundin rede, aber vom Arzt fand ich sie komisch "muss ich mich halt mal ran halten", dann wäre die Zeit ja kürzer, die zwischen Eingriff und sicher keine Spermien mehr liegt ) und auch bei der Brustuntersuchung, bei der er mir erklärt hat, wie ich das daheim selber machen soll, waren seine Worte irgendwie unangemessen für mich und auch fand ich die pysische Distanz während der ganzen Zeit immer zu gering.
Hatte ihm währenddessen erzählt, dass es nach dem abstillen noch ein halbes Jahr oder so gedauert hat, bis keine Milch mehr kam und dann sagt er, dass wenn er jetzt so und so drückt bestimmt immernoch was kommt und dann drückt er einfach meine Brust??!!! Jedenfalls fühle ich mich jetzt irgendwie schlecht und ich fand es eklig und ich ärgere mich, dass ich nichts gesagt habe.
Dieses komische Gefühl geht nicht weg und ich weiß nicht genau, was ich tun soll. Ich will da jedenfalls nie mehr hin.
Ich frage mich auch immer, ob er einfach nur versucht hat "locker, witzig, entspannt" zu sein oder was da los ist. Mir scheint es aber auf jeden Fall nicht normal für einen Arzt?!
Was soll/kann ich jetzt machen?
Danke, dass es euch gibt!
Unsere Antwort
Es ist doch ganz klar: der Arzt hat sich unprofessionell verhalten. Unprofessionell in dem Sinn, dass ihn dein Befinden nicht genügend interessiert hat.
Für Gynäkolog*innen gibt es Regeln. Du findest sie z.B. auf der Website der SGGG (Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe). Dort gibt es unter Guidelines «Richtlinien Sexuelle Übergriffe in der Arztpraxis» Festgehalten wird dort: «Jede medizinische Behandlung hat unter Wahrung der Menschenwürde und Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten und Patientinnen zu erfolgen.» Zudem werden Verhaltensregeln für die gynäkologische Untersuchung formuliert. Zu diesen Regeln gehört auch: «Auf die Sprache achten: Diese soll streng professionell sein. Saloppe Sprüche gehören nicht zur Untersuchung.»
Im Leitfaden für das ärztliche Gespräch wird geklärt: «Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist das Fundament einer fachgerechten Behandlung.» Die schweizerischen Behandlungsrichtlinien der SGGG entsprechen dem aktuellen Stand der internationalen „Best Practice“. Du kannst überall eine menschenwürdige und respektvolle medizinische Behandlung erwarten.
Dein Arzt hat diesen Standards nicht entsprochen. Wir raten dir, dich unter den Guidelines auf der SGGG-Website umzuschauen. Die Information hilft dir hoffentlich das Erlebte als unprofessionell einzuordnen. Dann kannst du entscheiden, ob du in Zukunft eine andere Praxis aufsuchen wirst. Dein komisches Gefühl wird sich zurückziehen. Und wenn sich wieder ein Arzt unangemessen verhält, wirst du dich sicher mit eigenen Worten abgrenzen können.
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Frage Nr. 39276 von 07.01.2025
Hallo liebes Lili Team
ich bedanke mich für eure Antwort (Frage Nr. 39177)!
Ich hätte dazu noch eine ergänzende Frage:
Ich merke langsam, dass ich in meiner Kindheit Dinge erlebt haben, welche nicht normal waren. Mir fällt es zwar immer noch schwer, dieses Leid anzuerkennen, da ich es häufig verharmlose oder das Gefühl habe ich bilde mir dies nur ein.
Ich habe irgendwie nie in der Therapie herausgefunden, was mit mir nicht stimmt. Ich konnte aber nicht sagen, weshalb ich leide. Ich hatte nur mit Ängsten und depressiven Zuständen zu kämpfen. Ich habe gestern Chatgbt gefragt und es konnte es beschreiben.
Ich komme mir irgendwie dumm vor, da ich es nicht schaffe und immer denke nur die anderen sind betroffen oder erleben dies, nur ich nicht, da oft die Beispiele im Internet, wie beispielsweise für Parentifizierung, nicht zutrafen.
Wie kann ich lernen Selbstmitgefühl für mich und meine Geschichte zu entwickeln und lernen, das was war anzuerkennen? Wie kann ich lernen zu verstehen, was normal ist und was nicht? Wie kann ich aufhören die Geschichten zu vergleichen?
Sorry für die vielen Fragen und Danke für eure Antwort!
Unsere Antwort
Du brauchst Stärke und Mut, um das, was du fühlst, ernstzunehmen. Und um es abzugrenzen von einer Kraft, die das verharmlosen will, was passiert ist und immer noch passiert. Diese Kraft verunsichert dich, verwirrt dich und verheddert dich in Vergleichen. Denn Verharmlosung ist eine Überlebensstrategie von Kindern.
Aber du bist jetzt älter. Du wirst langsam erwachsen. Du kannst bald allein überleben – ohne "gute" Eltern. Dafür ist es wichtig, dass du lernst, sie klar zu sehen, ohne schönzuzeichnen. Das ist für die Ablösung und Emanzipation von deinen Eltern wichtig.
Aber die kindliche Sichtweise kann sehr hartnäckig sein. Und die will verharmlosen und schönzeichnen. Daher empfehle ich dir fachliche Begleitung. Das kann dir helfen, stärker zu werden. Offenbar hast du keine Therapie bei einer Person gemacht, die mit dir genau hingeschaut hat, was in der Familie lief und läuft. Das fände ich aber sehr sinnvoll.
Bitte lies dazu auch diesen Text.
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Frage Nr. 39262 von 15.12.2024
Ich habe gemerkt, dass ich mich total schäme für meine Familie. Meine beiden Eltern haben praktisch keinen Kontakt mehr zu ihren Verwandten. Ich sehe auch häufig, dass sie ausgenutzt worden sind oder mit vielen Menschen im Streit sind. Für meine Verhältnisse haben sie wenige Freunde.
Ich versuche sie irgendwie immer zu verteidigen, merke jedoch das etwas komisch ist. Sie sind irgendwie auch nie locker. Ich hatte zum Beispiel als Kind den Wunsch, einfach mal mit Freunden und ihren Kindern in die Ferien zu fahren. Ich habe gemerkt, dass mir dies fehlte als Kind und dies hat mich traurig gemacht.
Meine Mutter wurde von ihrer Familie immer irgendwie abgelehnt. Sie zog sehr früh aus. Bei meinem Vater kann ich es nicht genau sagen. Ich schäme mich dafür total, da ich das Gefühl habe, dass sie hauptsächlich sich haben.
Sie haben mir auch als Kind teilweise verboten mit anderen Kindern in die Ferien zu fahren. Es macht mich heute enorm traurig, vor allem, wenn ich bei anderen Familien sehe, wie es dort abläuft und was die Kinder dort alles haben.
Wie kann ich mit diesem Schamgefühl umgehen und wie kann ich lernen mich abzugrenzen?
Unsere Antwort
Bist du die gleiche Person, die uns diese Woche schon mehrere Fragen gestellt hat? Ich frage wegen dem Wort "traurig", das in diesen Fragen immer wieder vorkommt. Ausserdem ist der Stil ähnlich. Falls ja, und falls du uns jemals wieder schreibst: Gib uns doch mal an, welche Fragen du uns schon gestellt hast. So können wir uns ein besseres Bild über dich machen und dir besser helfen.
Fragst du dich, wie du dich besser von deinen Eltern abgrenzen kannst? Da hilft es dir, wenn du sie dir genauer anschaust. Und zwar als erwachsene Menschen, die ihre Handlungen selbst gewählt haben und dazu nicht gezwungen wurden. Deine Eltern waren und sind für ihr Leben selbst verantwortlich. Frag dich, warum du sie gegen wen verteidigen möchtest. So denkt ein Kind, das seine Eltern beschützen möchte, weil es auf Gedeih und Verderb von ihnen abhängig ist. Ich vermute, du bist jetzt selbst erwachsen. Emotional fühlt es sich aber möglicherweise noch eher so an wie damals, als du Kind warst: loyal gegenüber den Eltern. Denn ein Kind kann sich Abgrenzung nicht leisten.
Tatsache ist: Die Haltung und die Handlungen dieser Eltern haben in dir als Kind Trauer ausgelöst und lösen in dir auch noch als erwachsene Person Trauer aus. Schau genau hin, was deine Eltern dem Kind angetan haben. Setze alles daran, Mitgefühl für das Kind zu entwickeln, das du warst. Wie hat sich das für das Kind angefühlt, traurig zu sein? Wer hat es getröstet? In der Regel hilft es bei der Abgrenzung und Emanzipation, wenn wir Partei für uns als Kinder ergreifen und unser eigenes Wohlergehen für uns wichtiger wird als das der Eltern.
Erwachsenwerden heisst, dass du lernst, dich um dich selbst zu kümmern. Nimm das Kind in den imaginären Arm und tröste es. Die Eltern, die das Kind gebraucht hätte, hatte es nicht. Aber du als erwachsene Person kannst lernen, dich um dich und deine verletzten emotionale Zustände zu kümmern. Ich empfehle dir dazu auch diesen Text über den Umgang mit Emotionen.
Erwachsen sein heisst, dass du realisierst, dass du nicht Tochter oder Sohn bist, sondern Mensch. Und als Mensch ist man allein. "Allein" ist ein spannendes Wort. Es hat ja auch etwas von "alles in einem". Scham kommt dann, wenn wir uns in unserem Selbst angegriffen fühlen. Das Gefühl der Verbundenheit mit den Eltern erzeugt das Gefühl, sich mitschämen zu müssen, wenn sie etwas tun oder erleben, das du als beschämend erlebst. Aber in Realität bist du nicht Teil eines Konglomerats aus deinen Eltern und dir, sondern du bist All-Ein.
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Frage Nr. 39259 von 15.12.2024
Hallo Lilli-Team
Die Weihnachtszeit ist für mich eher schwierig. Der Fokus liegt auf der Ursprungsfamilie. Auch meine Familie kommt zusammen — bis auf mich. Ich habe sexualisierte Gewalt durch meinen Vater erlebt, jedoch weiss das sonst niemand. Ich ertrage es nicht mehr, „heile Familie“ zu spielen. Meine Mutter hat ein Alkoholproblem und wirkt depressiv. Ich gehe nicht mehr nach Hause, aber erscheine als das schwierige Problemkind.
Dazu kommt, dass Aussenstehende häufig fragen, was man an Weihnachten macht und es sehr seltsam ankommt (wie ich merken musste), wenn man nicht mit der Familie feiert.
Leider habe ich auch keine Wahlfamilie/ enge Freund:innen, mit denen ich die Tage verbringen kann. Ich fühle mich einsam und auch etwas stigmatisiert damit.
Habt ihr vielleicht Ideen, wie ich besser damit umgehen kann und die Tage gut überstehe?
Ich bin weiblich, 26, lebe nicht mehr bei den Eltern und habe sehr minimalen Kontakt.
Geschenke kriege ich trotzdem oft, auch wenn ich mehrfach darum gebeten habe, keine zu bekommen.
Unsere Antwort
Es ist gut, dass du dich von deiner Familie abgrenzt. Es ist gut, dass du mit ihnen keine Weihnachten verbringst. Du bist bei weitem nicht die einzige 26-jährige, die nicht zu ihrer Herkunftsfamilie geht an Weihnachten. Ich wünsche dir, dass du selbstbewusst dazu stehst, dass du Weihnachten nicht mit deiner Familie feierst. Wenn es für Menschen seltsam kommt, können Sie etwas Neues dazu lernen: aha, nicht alle Menschen feiern Weihnachten mit der Familie.
Und du bist auch nicht die einzige Person, die sich an Weihnachten einsam fühlt. Schade, dass du dich als stigmatisiert erlebst. Du bist in guter Gesellschaft. Und darum gibt es viele Anlässe und Angebote rund um die Feiertage herum – von Singlepartys bis zu Yogaferien. Ich empfehle dir, dass du mal schaust, was es da gibt. Du bekommst nicht gerne Weihnachtsgeschenke, aber du könntest dir selbst so einen Anlass oder eine Reise schenken.
In diesem Sinne wünsche ich dir spannende Weihnachten und einen guten Rutsch!
Diese Antwort gilt auch für Frage 39260.
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Frage Nr. 39248 von 12.12.2024
Hallo Lilli Team,
ich bins mochmal von der 39115.
Vielen Dank für Eure Antwort, ich habe viel nachgedacht, einiges auch besprochen mit "ihm" - ohne von Euch was zu sagen. Unsere Abmachung ist nun, nur Kontakt via Chat, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Es ist wohl für ihn genauso schön, mein Chatlehrer zu sein, wie für mich, seine Chatschülerin zu sein. Ich fühle mich nicht ausgenutzt, auch nicht als Opfer. Dank Eurer Hinweise wird auch nicht mehr daraus werden, Danke. Ich entdecke dank ihm vieles schönes und geniesse es intensiv (auch mit mir alleine - fast täglich). An viele Techniken habe ich nicht im Traum gedacht.
Könnt ihr mir trotzdem nochmal antworten?
- Ich habe vieles entdeckt. Wie zeige ich einem in real was ich mag? (Es hat da einen sehr süssen m (15) wo sich was ergeben könnte, der kennt aber sicher noch nicht viel)
- Wie vermeide ich, mit zu idealisierten Vorstellungen mich auf jemanden real einzulassen? Wie kann ich ihn "checken" ausser meinem Bauchgefühl?
Vielen Dank
Unsere Antwort
Wenn man mehr Erfahrung hat als die gleichaltrigen Kolleg*innen, fühlt sich das sicher gut an. Wenn aus deiner Mehr-Erfahrung aber abwertende Gefühlen werden, verlierst du die Lust. Und dann hast du keine Lust, dich mit dem 15-Jährigen gemeinsam auf Entdeckungsreise zu begeben. Damit zieht sich dann auch dein eigener Genuss an deiner sexuellen Erregung zurück. Du denkst dann, "kenne ich alles schon"‚ "habe ich schon besser erlebt" etc. und so verdirbt dir deine idealisierte Vorstellung oder Erinnerung viele erregende Gefühle und stört auch deine Beziehung zu dem jungen Mann.
Für eine sexuelle Beziehung ist darum das Bauchgefühl, dass dir anzeigt, ob jemand für dich attraktiv ist, zentral. Dazu gehört auch, dass du weisst, was dich erregt und wie du Sex geniessen kannst. Genussvoll bleibt der Sex, wenn du ihn mit jemandem zusammen geniessen kannst. Gemeinsame Erlebnisse fördern auch das Zusammengehörigkeits- und das Liebesgefühl. Darum raten wir dir, dich auf die gemeinsamen Erlebnisse mit dem 15-Jährigen einzulassen und nicht deine "Mehr-Erfahrung" in den Mittelpunkt zu stellen.
Ich möchte dich nochmals zu grosser Vorsicht aufrufen. Dein Chatpartner geht zwar auf deine Bedenken ein, beendet aber den Chat nicht. Es ist ihm gelungen, dich auf sexueller Ebene so zu begeistern, dass du weiter chattest. Sein Verhalten ist möglicherweise strafbar. Er geht das Risiko ein. Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass du in allen Bereichen deines Lebens so sehr an Erfahrung von älteren Menschen interessiert bist und geniesst, wenn deine "alten" Lehrer dich für ihre Erfahrungen interessieren wollen.
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Frage Nr. 39220 von 08.12.2024
Hallo,
ich habe eine Frage an euch und hoffe auf euren Rat. Meine Lebensgefährtin hat es gut gemeint und mich dazu ermutigt, nach all den vielen Therapien einen Antrag auf einen Grad der Behinderung (GdB) zu stellen. Während meiner letzten Therapie hatte ich auch Kontakt zu einem Mädchen, das etwas Ähnliches erlebt hat wie ich. Sie wurde missbraucht und ritzt sich häufig. Sie hat einen Antrag gestellt und einen Grad von 50 erhalten. Ich war anfangs unsicher, ob ich einen Antrag stellen soll, habe es aber schließlich doch getan. Jetzt bin ich sehr enttäuscht, dass mir nur ein Grad von 40 zugesprochen wurde. Das hat mich tief getroffen.
Ich bin 61 Jahre alt und habe eine schwere Kindheit hinter mir: Jahre des Missbrauchs und der Gewalt, ohne jegliche Hilfe. Niemand hat mir geglaubt, weil meine Mutter immer behauptet hat, ich sei nur hingefallen oder würde mir Dinge einbilden. Die Einschätzung des GdB hat viele alte Wunden wieder aufgerissen. Ich fühle mich wieder so hilflos wie damals als Kind. Flashbacks holen mich immer wieder ein, und manchmal sind sie so real, dass nicht einmal das Ammoniak, das ich immer bei mir trage, hilft.
In meiner Therapie wurde die Diagnose F62.0 gestellt, aber ich weiß nicht wirklich, was ich damit anfangen soll. Alles fühlt sich so schwer an, und manchmal überkommen mich wieder Gedanken an Suizid, gerade nach solchen Beurteilungen. Nach außen versuche ich, normal zu wirken, damit niemand merkt, wie schlecht es mir geht. Ich verletze mich nicht selbst, aus Angst, dass es jemand sehen könnte. Ich nehme viele Medikamente, um zumindest ein paar Tage besser zu überstehen.
Aber ich frage mich oft: Hört das irgendwann auf, oder wird es immer wiederkommen? Eigentlich wollte ich nie so alt werden. Ich habe jahrelang versucht, mich mit Arbeit und extremen Aktivitäten wie Fallschirmspringen oder meiner Arbeit bei der Formel 1 abzulenken, wo ich Zugang zu vielem extremen sachen hatte. Doch jetzt funktioniert nichts mehr. Ich habe zudem einen starken Tinnitus, der besonders nachts ein großes Problem ist. Ich weiß nicht mehr weiter. Was kann ich noch tun?
Unsere Antwort
Es ist sehr mutig den Antrag auf GdB (Grad der Behinderung) zu stellen. Denn hier gibt man viel preis und man setzt sich der Situation aus, dass darüber entschieden wird, wie stark man als eingeschränkt gilt.
Ein großes Missverständnis ist, dass beim Festlegen des GdB abgebildet wird, wie es jemandem wirklich geht und was diese Person erlebt hat. Ich habe es schon öfter erlebt, dass Menschen über die Einsortierung verunsichert oder gekränkt waren und sich nicht gesehen gefühlt haben.
Die Feststellung des GdB ist wie ein behördlicher Akt und sehr emotionslos.
Der GdB sagt nichts darüber aus, wie schwierig dein Leben war und ist, sondern versucht einzuschätzen, wieviel Nachteil du deswegen heute im alltäglichen Leben hast. Einfacher zu verstehen ist das bei körperlichen Erkrankungen: Jemand mit einer Behinderung an der Hand braucht weniger Ausgleich, als jemand mit Behinderungen an beiden Händen. So einfach wie es hier ist, so schwierig ist es, wenn es um seelische Themen geht. Ich wünsche dir, dass du versuchst, das nicht persönlich zu nehmen. Nimm den Ausgleich, den dir der GdB bietet, an. Dass du viel durchgemacht hast, ist unbeschritten. Was du erlebt hast, ist sehr einschneidend und belastend. Deine Diagnose bestätigt das.
Wenn du wegen dem GdB doch noch etwas machen möchtest, kannst du Widerspruch einlegen oder eine Gleichstellung beantragen.
Ich finde, jetzt ist es wichtig, dass du dich um dich und auch um deine Gefühle der Enttäuschung und Hilflosigkeit kümmerst. Auch weil jetzt Altes wieder hochgekommen ist und der Tinnitus so stark ist, empfehle ich dir dringend, dass du wieder eine Therapie machst. Du hast im Leben bis jetzt enorm viel geleistet. Aber ich finde, jetzt solltes du dir fachliche Unterstützung holen, um mit deinem Zustand und deiner Situation klar zu kommen.
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Frage Nr. 39211 von 06.12.2024
Ich habe vermutlich eine Binge eating disorder. Ich merke, wie ich seit meiner Kindheit oft Essen als vermutlicher Selbstregulationsversuch nutze. Ich habe mich in meiner Kindheit alleine gefühlt und häufig auch hilflos. Teilweise was ich auch total gestresst und hatte starke Emotionen. Ich merke, wie es mir schwer fällt mit starken Emotionen umzugehen. Ich habe aber eine totale Scham und getraue mich nicht meiner Therapeutin davon zu erzählen, da ich einerseits den Glaubenssatz habe alles alleine machen zu müssen und andererseits Angst habe verurteilt zu werden. Wie kann ich diese Scham überwinden?
Danke für die Hilfe!
Unsere Antwort
Viele Menschen mit Bulimie und Binge Eating haben eine Scham bezüglich ihrem "Kontrollverlust". Dabei ist der Essanfall eine Strategie gegen unangenehme Emotionen. Wenn wir als Kind nicht getröstet werden, und wenn uns niemand beibringt, uns selbst zu trösten, ist es typisch, dass derartige Strategien entwickelt werden, die dann später im Leben störend sind. Es ist ganz wichtig, dass du das mit der Therapeutin besprichst. Überleg dir, was sie denken würde, wenn sie dich verurteilen würde. Macht es aus deiner Sicht Sinn, dass das eine Therapeutin tut? Möglicherwesie würden dich deine Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen verurteilen, denn sie möchten dich als "stark" sehen. Aber einer Therapeutin solltest du dich als Mensch zeigen können.
Wenn das partout nicht geht, dann kannst du dich bei einer Fachstelle für Essstörungen melden. Die Fachpersonen dort kennen sich mit Binge Eating sehr gut aus und haben täglich damit zu tun. Links dazu findest du auf dieser Seite.
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Frage Nr. 39205 von 05.12.2024
Ich habe in einer Doku gesehen, dass Kinder, welche in der Familie ein Opfer waren nachher häufiger Mobbing Opfer waren, da sie vulnerabler waren. Was heisst Vulnerabilität? Womit hängt das Zusammen? Wie können Opfer nicht mehr opfer werden?
Ich finde es ein total interessantes Thema! Ich bedanke mich für deine Antwort!
Unsere Antwort
Vulnerabilität heisst Verletzlichkeit oder Empfindlichkeit. Wer in der eigenen Familie andauernd angegriffen worden ist, wird empfindlich, misstrauisch und/oder hat schnell Angst. Opfer von Gewalt sind dann ‚vulnerabler‘, d.h. verletzlicher als nicht traumatisierte Menschen. Wenn Andere die verletzte Reaktion der traumatisierten Person falsch verstehen, kann das zu Missverständnissen führen. Und dann gibt es oft jemanden oder eine Gruppe, die sich ausgrenzend oder aggressiv verhält.
Verhindert werden kann Mobbing am besten, wenn alle wissen, was Mobbing ist. Zentral dafür ist Mitgefühl. Wer sich in andere hineinversetzen kann, kann befremdliches Verhalten eher akzeptieren. Wer dann noch nachfragen kann, könnte das Verhalten der anderen Person besser verstehen. Und wenn wir alle uns gegen Mobbing-Verhalten entscheiden, gibt es keine Mobbing-Opfer mehr.
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Frage Nr. 39190 von 03.12.2024
Ich habe ein etwas spezielle Frage. Ich fühlte mich heute nach der Therapie total erschöpft. Wir haben heute über belastende Erlebnisse gesprochen. Meine Therapeutin meinte, dass es ein gutes Zeichen ist, dass ich darüber sprechen kann und einen besseren Zugang dazu habe. Ich fühle mich nun total erschöpft und ausgelaugt. Ich würde am liebsten nur noch schlafen. Ist das normal, dass man sich auch nur über Belastendes zu sprechen danach müde fühlt?
Unsere Antwort
Ja, es ist ganz normal, wenn du dich nach einer Therapiesitzung erschöpft fühlst, besonders wenn ihr über belastende Ereignisse gesprochen habt. Es kostet Energie, über belastende Erlebnisse und Emotionen zu sprechen und sie zu verarbeiten. Diese Erschöpfung ist auch ein Zeichen dafür, dass du dich öffnest, und dass Heilung stattfindet. Du kannst da ganz verständnisvoll mit dir selbst sein und dir die Ruhe gönnen, die du brauchst, um dich zu erholen und zu heilen.
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Frage Nr. 39188 von 03.12.2024
Ich habe eine behinderte Schwester, welcher jahrelang in Therapie gegangen ist. Als ich noch ein kleines Kind war, wurde ich häufig allein im Wartezimmer der Therapiewohnung gelassen, da meine Eltern mit meiner Schwesrer im Therapiezimmer waren. Ich war einerseits traurig und andererseits war ich gelangweilt, da es wenige Spielsachen gab. Ich fühlte mich benachteiligt und tobte als Kind häufig. Die Therapeutin meiner meiner Schwester meinte, ich manipuliere meine Eltern und es sei nicht okey, dass ich meinen Willen durchsetzten möchte. Sie meinte auch einmal, dass ich verhaltensauffällig sei. Aus heutiger Sicht finde ich es sehr traurig, dass niemand das Kind gefragt hat, wie es ihm geht. Wie kann ich mich unterstützen, mich von den belastenden Dingen, welche über mich gesagt wurden zu lösen?
Unsere Antwort
Es ist gut, dass du der Trauer Raum gibst. Es ist klar, dass ein Kind nicht die Rolle haben sollte, die Eltern zu schonen. Hast du mal mit deinen Eltern über die Situation geredet? Wenn ja, was haben sie dazu gesagt? Wenn nein, warum nicht?
Ich weiss nicht, wie alt du bist. Lebst du noch bei deinen Eltern oder bist du selbständig? Es kann sehr sinnvoll sein, Unterstützung durch eine Fachperson zu holen. Hast du dir überlegt, eine Therapie zu machen? Oder in eine Jugendberatung zu gehen.
Gern kannst du uns wieder schreiben und meine Fragen beantworten. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.
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Frage Nr. 39177 von 01.12.2024
Kann es sein, dass ich ein Trauma habe?
Ich habe eine Mutter, welche an Depressionen leidet aufgrund ihrer schlimmen Kindheit. Sie geht in Therapie, hat jedoch die Erfahrungen nie aufgearbeitet. Als Kind bin ich häufig nur mit meinem Vater in die Ferien gefahren. Meine Mutter hat auch häufig geschlafen.
Sie sagte mir, dass ich als Kind sehr anstrengend war. Ich hätte sie häufig erpresst. Es kann gut sein, jedoch habe ich keine Erinnerungen mehr. Sie sagte auch häufig, ihr sei alles zu viel.
Ich habe teilweise ihre Handlungen und Aussagen nicht verstanden. Ich verspüre heute mit 16 Jahren eine unglaubliche Wut. Ich habe das Gefühl, wenn es ihr schlecht geht ist das okey. Wenn es mir schlecht geht oder als ich Ängste hatte oder eine Depression hiess es nur ich übertreibe.
Ich habe seit meiner Kindheit diesen Schmerz in der Brust. Ich habe häufig geweint. Ich weiss nicht mehr was ich tun kann... Kann es sein das ich ein Trauma habe?
Mir ist heute ebenfalls aufgefallen, wenn ich die Opferrolle meide, dass der Umgang mit mir selber viel viel positiver ist. Was ich zunächst komisch fand, danach als sehr angenehm. Vor allem, weil ich oft zu mir selbst sehr streng bin, doch durch die Meidung der Rolle, habe ich viel mehr Selbstmitgefühl und viel mehr Hoffnung für die Zukunft bekommen. Ist das normal?
Ich wollte mir auch ein bisschen von der Seele schreiben. Danke, dass es euch gibt :-)
Freue mich schon auf eure Antwort und bis dahin!
Unsere Antwort
Ja, du hast in deiner Kindheit traumatische Erlebnisse gehabt. Zum einen ist es schlimm für ein Kind, wenn die Mutter so viel abwesend war. Da ist schon mal "zu wenig Mutter" da. Und das ist bedrohlich. Zum anderen hatte (und hat) sie ein Verhalten und eine Haltung dir gegenüber, die für dich schlimm war und ist:
- Du warst ihr zuviel. Ein Kind sollte einfach sein dürfen.
- Wenn es einem Kind schlecht geht, sollte es getröstet werden und nicht hören, dass es übertreibt.
- Sie hat dir Motive zugeschrieben, die man einem Kind nicht zuschreiben sollte: Du habest sie erpresst. Was meint sie damit? Es kann schon sein, dass Kinder Grenzen austesten und anstrengend sind. Aber es ist die Aufgabe der Eltern, Grenzen zu setzen und die Kinder zu erziehen. Es ist nicht die Aufgabe der Kinder, ihre Eltern zu schonen. Es klingt so, als habe deine Mutter dich als Täter*in gesehen, der*die gegen sie war. Da hat sie sicherlich etwas in dich projeziert, was mit dir nichts zu tun hat, sondern mit ihrer eigenen Vergangenheit.
Ich bitte dich, dazu diesen Text darüber zu lesen, wie Eltern ihren Kindern nicht gut tun. Du wirst deine Mutter da in einigem wiedererkennen. Möglicherweise auch deinen Vater, der sich besser gegenüber deiner Mutter für dich hätte einsetzen können.
Tatsache ist: Als Kind hast du unglaublich gelitten. Ich verstehe da deine Wut auf deine Mutter. Ich finde die Wut eine gesunde Energie, die dir helfen kann, dich von deiner Mutter zu emanzipieren und dich für dich selbst und dein Wohlergehen einzusetzen. Ich verstehe auch den Schmerz und das Weinen. Das Leiden ist echt.
Wie gehst du damit um? Du schreibst etwas Interessantes zum Thema Opferrolle. Opfer zu sein heisst hilflos zu sein. Opfer zu sein heisst keine Verantwortung übernehmen. Da ist die Haltung viel besser: "Okay, ich bin in der Situation in der ich bin, ich muss das beste draus machen und schauen, was ich unternehmen kann, dass es mir besser geht – nur ich allein kann das". Diese Selbstverantwortung ist genau die Haltung, die dir hilft, dich zu emanzipieren und für dein Wohlergehen einzusetzen. So gesehen passt es, wenn du schreibst, dass du so mehr Selbstmitgefühl und Hoffnung in die Zukunft bekommen hast.
Allerdings sollte auch das Weinende, Trauernde, Ängstliche in dir Platz haben. Du wirst jetzt langsam erwachsen. Es geht darum, dass du lernst, dich als erwachsene Person um deine eigenen "schwachen" Anteile zu kümmern. Das heisst unter anderem, dass du das weinende kleine Kind in dir in den Arm nimmst und ihm gut zuredest und es tröstest und ihm sagst: "Es ist vorbei, ich kümmer mich jetzt um dich".
Das ist leichter gesagt als getan. Ich finde, du bist ein*e richtige*r Überlebenskünstler*in. Möchtest du dir nicht Unterstützung durch eine Fachperson holen, die dir bei der Heilung und Emanzipation hilft? Du könntest dich zum Beispiel bei einer Jugendberatungsstelle melden und mit den Leuten dort besprechen, was es für Möglichkeiten der Beratung gibt.
Du kannst uns auch gern wieder schreiben. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.
Diese Antwort gilt auch für Frage 39179 und 39206.
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Frage Nr. 39173 von 29.11.2024
Ich bin mir nicht sicher ob ich mich verständlich ausdrucken kann. Ich habe irgendwie in mir eine Stimme die mir sagt, dass ich meine Eltern nicht schlimm finde. Andererseits habe ich eine Stimme und Gefühle, welche etwas anderes sagen.
Ich merke, dass vermutlich vieles nicht gut gelaufen ist. Gleichzeitig denke ich, dass es viel schlimmer sein könnte oder andere ähnliches erleben.
Ich kann es nicht mal genau benennen, ich merke nur, dass ich mich wohler fühle, wenn ich alleine bin. Wie kann ich lernen die Dinge zu benennen? Ich komme mir dumm vor.
Unsere Antwort
Unser Gehirn probiert, schlimme Dinge schönzuzeichnen. Und als Kinder probieren wir unsere Eltern schönzuzeichnen. Das sichert unser Überleben. Denn wir können ja nicht einfach davonrennen, wir sind von unseren Eltern auf Gedeih und Verderb abhängig. Gleichzeitig erleben wir aber Schlimmes. Das Erleben von Schlimmen und das Schönzeichnen passieren im gleichen Kopf. Da entwickeln sich unterschiedliche Gefühlszustände oder Stimmen. Man nennt das auch Dissoziation. Wir haben dazu einen Text geschrieben, lies den doch bitte mal.
Ich weiss nicht genau, was du meinst mit "Dinge benennen". Meinst du, dass du Gefühlszustände hast, aber keine Worte dafür? Das hängt mit dem traumatischen Gedächtnis zusammen. Das ist oft nicht mit Worten verbunden, sondern eben mit Gefühlszuständen und Bildern und Sinneseindrücken. Warum das ist, lernst du in diesem Text über Flashbacks.
In den Texten liest du auch, was du tun kannst, um dir zu helfen. In der Regel ist bei so etwas aber fachliche traumatherapeutische Begleitung sehr sinnvoll.
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